Betreuungsgeld für die, die es nicht wollen bzw. brauchen

Eigentlich sollte jetzt hier ein von mir verfasster Text stehen, aber der Artikel von Antje Schrupp braucht keine Ergänzung meinerseits – Vielen Dank, Antje 🙂

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Neulich in der Kita

April 9, 2012 2 Kommentare

Neulich fuhren Sohn und ich mal wieder mit dem Fahrrad zur Kita.
Sohn hatte zum 5.Geburtstag ein neues Rad bekommen und trug, wie immer, seinen Helm:

In der Kita angekommen, fragte beim Ausziehen ein Mädchen: “ Warum hat I… einen Mädchenhelm auf?“
Ich antwortete: „Wer sagt denn, dass das ein Mädchenhelm ist?“
Das Mädchen: „ähhh… meine Mama … ähhh… Rosa und Braun sind Mädchenfarben!“
Sohn: „Stimmt ja gar nicht! Mädchen tragen ja auch Blau! Dann können Jungs auch Rosa tragen! Mädchen- und Jungenfarben gibt es gar nicht!“
Ich: 🙂

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Nulli und Priesemut – Konversation mit dem Verlag

März 31, 2012 4 Kommentare

Vor ein paar Tagen schrieb ich über eine rassistische Illustration in einem Kinderbuch und wandte mich an den Verlag und den Autor. Daraus ergab sich folgende Konversation:

>>> Wenn Ihr meine Sichtweise teilt, schreibt bitte an Frau Breckoff (ihre mail findet Ihr unten), damit eine weitere Auflage des Buches gestoppt oder wenigstens geändert wird. <<<

Meine erste mail:

Gesendet: Mittwoch, 21. März 2012 12:56
An: sodtke@nulli-priesemut.de; info@lappan.de
Betreff:Alle Frösche fliegen hoch

Sehr geehrter Herr Sodtke, sehr geehrte Verlagsredaktion des Lappan-Verlages,

die Geschichten um den Hasen Nulli und den Frosch Priesemut waren bisher bei uns sehr beliebt. Mit der Lektüre des 4. Bandes der “Kleinen Reihe” mit dem Titel “Alle Frösche fliegen hoch” änderte sich das.
Grund dafür ist die folgende Illustration:

siehe vorheriger Artikel

Ich finde es unerträglich, dass in aktuellen Kinderbüchern eine solch rassistische Darstellung erscheinen darf. Sie basiert mit den wulstigen Lippen und dem Knochen im Haar auf den kolonialistisch rassistischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts und entspricht einer Rassenideologie, die von alten und neuen Rechten vertreten wird.
Es macht mich wütend, dass ein Kinderbuchautor, der unter anderem für die TAZ gezeichnet hat, rassistische Stereotype verbreitet und Kindern Angst vor den/m Fremden macht. Eine reflektierte und reflektierende Herangehensweise an das Thema wäre angebracht.
Aus der Verantwortung für meine und andere Kinder heraus fordere ich Sie auf, den entsprechenden Band aus Ihrem Angebot zu entfernen bzw. die die entsprechenden Seiten zu redigieren.

Mit freundlichen Grüßen

Die Antwort:

Sehr geehrte…,

besten Dank für Ihre Nachricht, es freut uns, dass Ihnen die Geschichten von Nulli und Priesemut gefallen.

Die Anmerkung zu diesem Band hat uns zugegebenermaßen erstaunt. Mittlerweile gibt es in dieser Reihe ja 17 Bände – das von Ihnen erwähnte Buch gibt es mittlerweile seit 1996 im Handel, es wurde rund 30.000 Mal verkauft – und Sie sind tatsächlich der Erste, dem das in diesem Bild negativ aufgefallen ist.

Gerade in diesem Bild wird Afrika ja als „Paradies für Frösche“ dargestellt, daher haben wir es auch bei Lesungen nie erlebt, dass Kinder Angst davor hatten. Wenn Szenen aus anderen Ländern dazu anregen, sich mit dem Land weiter auseinanderzusetzen, damit gerade das Fremde dann nicht mehr fremd ist, dann wäre das natürlich schön – im Optimalfall setzen sich dann die Eltern mit den Kindern zusammen und erklären ihnen Geographie, Traditionen usw. dieses wunderbaren Kontinents. So sind auch die Rückmeldungen in zahlreichen Leserbriefen und bei Lesungen und Signierstunden von Matthias Sodtke.

In diesem Buch sind ja die Störche die eigentlichen „Übeltäter“ – und nicht einmal ihnen kann man es übel nehmen, weil Matthias Sodtke es versteht, den Kindern nahe zu bringen, dass Störche eben von Fröschen leben und dass das der Lauf der Natur ist. Und zugleich vermittelt er, dass man dem besten Freund mehr vertrauen sollte, als jemandem, den man nicht kennt (eben den Störchen), dieses Thema ist für Eltern ja sehr wichtig. Und genau darin liegt ja die Kunst des Autors, und das macht die Beliebtheit dieser Bände aus, und gerade weil in diesen Büchern auch schwierige Themen auf lustige Weise angesprochen werden, sind sie auch in pädagogischen Einrichtungen wie Kindergärten sehr beliebt. Dass man weder die Frösche noch die Hasen noch die anderen Tiere als realistisch ansehen sollte und eins zu eins auf Menschen projizieren sollte, ist selbstverständlich – sonst hätte man ja auch Kinder nehmen können.

Wir werden Ihre Anmerkung aber auf jeden Fall aufnehmen und noch einmal herumfragen, ob Ihre Sichtweise auch auf andere so wirkt – und da wir die Bände sehr häufig nachdrucken, wäre es auch kein Problem, diese Seite zu überarbeiten. Auch Matthias Sodtke ist ja daran gelegen, dass es bei seinem Büchern nicht zu Missverständnissen kommt.

Insofern danken wir Ihnen für den Hinweis!

Mit freundlichen Grüßen

Constanze Breckoff

__________________

Lektorat / Editor

Lappan Verlag GmbH

Würzburger Straße 14

26121 Oldenburg

Telefon 0441-98066-26

Telefax 0441-9806634

eMail: c.breckoff@lappan.de

www.lappan.de

Geschäftsführer: Klaus Kämpfe-Burkhardt und Dieter Schwalm

HR B 1612

Handelsregister Oldenburg

Meine Antwort:

Sehr geehrte Frau Breckoff,

vielen Dank für Ihre Antwort, es freut mich, dass Sie sich dem Thema Rassismus in Kinderbüchern zuwenden.

Leider erstaunen mich Ihre Ausführungen nicht. Dass die genannte Illustration nach 16 Jahren und 30000 verkauften Exemplaren des entsprechenden Buches zum ersten Mal von mir moniert wird, zeigt mir, in welch rassistischem Normalzustand sich unsere Gesellschaft immer noch befindet. Es erschreckt mich, dass das Buch 1996, knapp 5 Jahre nach den Pogromen von Hoyerswerda, Mölln, Rostock usw. mit dem angesprochenen Bild erschienen ist.

Ihre Anmerkung, Afrika würde in dem Buch als „Paradies für Frösche“ dargestellt,  entspricht dem kolonialistischen Blick auf diesen Kontinent. Interessanterweise gibt es in diesem „Paradies“ hauptsächlich grüne (weiße) Frösche. Lediglich eine  Minderheit von schwarzen Fröschen ist existent. Natürlich erzeugen solche Bilder keine Angst beim hauptsächlich weißen Kinderpublikum, aber sie stellen falsch dar und zeichnen eine Realität, die es nicht gibt. Es bleibt zu hoffen, dass Eltern diese Realitätsverschiebungen frühzeitig korrigieren.

Die Darstellung des Frosches mit dem Knochen im Haar löst keine Missverständnisse aus, sondern zeigt ein dem rassistischen Normalkonsens unserer Gesellschaft entsprechendes Bild eines Schwarzen in Afrika (in welchem Land auch immer).

Abschliessend möchte ich bemerken, dass ich Ihre Aussage „Dass man weder die Frösche noch die Hasen noch die anderen Tiere als realistisch ansehen sollte und eins zu eins auf Menschen projizieren sollte, ist selbstverständlich – sonst hätte man ja auch Kinder nehmen können.“ aus pädagogischer Sicht als absurd empfinde. Kinder identifizieren sich mit den Figuren in ihren Geschichten und diese werden real – egal ob es sich dabei um Hasen, Frösche oder irgendwelchen Fantasiegeschöpfe handelt. Das ist der Sinn und Zweck von Geschichten oder Märchen. Gesellschaftlich vereinbarte Verhaltenscodices werden Kindern durch Geschichten vermittelt. Hier tragen wir eine hohe Verantwortung für die Zukunft unseres Zusammenlebens.

Ich werde Ihre mail in meinem Bekanntenkreis veröffentlichen und die Menschen auffordern, Ihnen zu schreiben.

Mit freundlichen Grüßen

 

Nulli und Priesemut – Rassismus im Kinderzimmer

März 21, 2012 3 Kommentare

Die Geschichten um den Hasen Nulli und den Frosch Priesemut von Matthias Sodtke greifen Alltagsprobleme auf und verarbeiten diese auf kindgerechte Weise. Bisher waren sie bei uns sehr beliebt.  Mit der Lektüre des 4. Bandes der „Kleinen Reihe“ änderte sich das.
Unter dem Titel „Alle Frösche fliegen hoooch!?“ sollen Kinder laut Klappentext lernen, „dass man dem besten Freund mehr vertrauen sollte als einem Fremden“.
Alles fängt ganz harmlos an. Nulli und Priesemut liegen an einem schönen Sommertag auf einer grünen Wiese und träumen vor sich hin. Plötzlich entdecken sie zwei „komische Vögel“. Wo die wohl hin wollen? Schnell wird beiden klar, dass die Fremden auf dem Weg zu ihrem Zuhause sind. Dort angekommen stellen der Hase und der Frosch schnell fest, dass die Störche, um die es sich bei den Fremden handelt, es sich schon auf dem Dach ihres Hauses bequem gemacht haben. Noch während sich die Störche als Herr und Frau Dr. Wenzel vorstellen, nisten sie sich auch schon mit einem aufblasbaren Nest so richtig ein. Als Gegenleistung wollen sie dem Frosch Priesemut das Fliegen beibringen, denn sie sind Doktoren der Flugologie.
Wurden die Fremden bisher „nur“ als sehr aufdringlich und besitzergreifend dargestellt, steigert sich die Bildergeschichte in ihrer fremdenfeindlichen und rassistischen Konnotation als die Aussage der Störche „In Afrika können alle Frösche fliegen!“ mit folgendender Illustration ergänzt wird:

(Quelle: Alle Frösche fliegen hoooch!? von M.Sodtke)

Abgesehen vom Fortlauf der Geschichte, in dem entlarvt wird, dass die Störche den Frosch eigentlich nur fressen wollten und die Fremden gewaltsam vertrieben werden müssen, ist es unerträglich, dass in aktuellen Kinderbüchern eine solch rassistische Darstellung erscheinen darf. Sie basiert mit den wulstigen Lippen und dem Knochen im Haar auf den kolonialistisch rassistischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts und entspricht einer Rassenideologie, die von alten und neuen Rechten vertreten wird. Was denken sich Herr Sodtke und der Lappan-Verlag eigentlich?
Es macht mich wütend, dass ein Kinderbuchautor, der unter anderem für die TAZ gezeichnet hat, rassistische Stereotype verbreitet und Kindern Angst vor den/m Fremden macht. Eine reflektierte und reflektierende Herangehensweise an das Thema wäre angebracht.
Nulli und Priesemut kommen uns jedenfalls nicht mehr ins Kinderzimmer!

Euren Unmut und die Aufforderung, den oben genannten Titel aus dem Programm zu nehmen könnt ihr hier:  sodtke@nulli-priesemut.de (mail des Autors) und hier:  info@lappan.de (mail des Lappan-Verlages) loswerden.

Schlosspark Theater – die Fortsetzung

Februar 19, 2012 5 Kommentare

 

 

Vorsicht – folgender Text enthält explizite Abbildungen und ironische Passagen!

 

 

Da steige ich neulich am Herrmannplatz in Neukölln aus der U7, geh die Treppen hoch und mein Blick fällt auf diese bildliche Darstellung ähm… von was eigentlich? Beim näheren Hinsehen stelle ich nicht nur fest, dass die Frau auf dem Bild tatsächlich komplett nackt ist, es handelt sich hier auch nicht um das neue Spiegelcover, das mich zu provozieren sucht. Nein – verantwortlich zeichnet sich hier das allseits bekannte Schlosspark Theater Berlin, welches sich in den letzten Wochen ja schon mit anderen Ergüssen seines hochkulturellen Repertoirs hervor tat.

Nun, denke ich mir, da hat sich das Schlosspark Dingens diesmal das Thema Sexismus rausgepickt, um es, wie bei dem anderen Stück zum Thema Rassismus, tiefergehend zu behandeln.
Bei meiner Recherche zum titelgebenden Spiegel-Bestseller-Roman von Hans Rath muss ich auch nicht lange suchen. In der Anzeige eines grosses Bücherversandhauses werde ich fündig:

Kurzbeschreibung

Habe ich noch eine Affäre oder schon eine Beziehung? Kann ein Vollbart zwischen einem Mann und seiner wahren Liebe stehen? Und wie stoppe ich den ehrgeizigen Junior-Kollegen, der mit der Tochter des Chefs ins Bett geht? Paul sucht Antworten. Genau wie sein Verbündeter und Kollege Schamski, sein Freund Günther und der arbeitslose Künstler und Chauffeur Bronko. Die drei ziehen nach verschiedenen persönlichen Katastrophen bei Paul ein. Ab sofort schwinden dessen Weinvorräte rapide, dafür ist nachts schon mal eine nackte Sekretärin in der Küche anzutreffen …

Der Verlag über das Buch

Interview mit Hans Rath

Affäre, Beziehung, große Liebe – wer blickt da schon durch? Paul, der Held des Romans „Man tut, was man kann“, jedenfalls nicht. Im Amazon.de-Interview verrät uns Autor Hans Rath u. a., was man durch Sex über sich selbst erfahren kann, wie Männer am liebsten Beziehungsfrust sublimieren und warum man eigentlich nie aufs „nächste Mal“ vorbereitet ist.

Frage: Paul trifft Kathrin, sie haben Spaß miteinander, gehen ins Bett – eigentlich eine einfache Kiste. Was ist dann Pauls Problem?

Hans Rath: Paul hat wahrscheinlich eine Grundregel menschlicher Beziehungen erkannt, die da lautet: Sex allein ist eigentlich nie das Problem; aber meistens fangen alle Probleme damit an.

Frage: Kathrin will nach dem Sex wissen, was Paul denkt – der will nur weg. Sind beide die männlichen und weiblichen Beziehungsarchetypen?

Hans Rath: Spielt das eine Rolle? Selbst wenn wir haarklein analysieren und verstehen könnten, wie die Liebe funktioniert, stünden wir beim nächsten Mal ja doch wieder wie der Ochs vorm Berg.

Frage: Sex – so erfährt man von Paul, „hat eine Menge mit einem selbst zu tun“. Was vermittelt uns diese Weisheit über Paul?

Hans Rath: Paul sagt es zu einem Teenager, und für dieses Alter stimmt der Satz. Später spalten wir viele Dinge von uns ab. Berufe, Beziehungen, ganze Lebensentwürfe haben oft nichts mehr mit den Menschen zu tun, die sie ausfüllen. Sex ist aber ein Indikator. Bevor Leute merken, dass sie kreuzunglücklich sind, stellen sie oft fest, dass es im Bett nicht mehr so gut läuft.

Frage: Sex, eine Affäre, eine Beziehung – das ist Pauls Modell einer Stufenrakete, wenn es darum geht, über sein Verhältnis zu Frauen zu grübeln. Wie weit kommt er innerhalb dieser Hierarchie?

Hans Rath: Es reicht nicht zu einer Beziehung, aber eine Affäre bringt Paul durchaus zustande – zumindest nach seiner eigenen Klassifikation. Sein System ist der Versuch, die Kontrolle zu behalten – was in der Liebe ja bekanntlich ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen ist.

Frage: Eher unfreiwillig wird Pauls Wohnung zu einer Männer-WG, in der sich Verlassene, Ausgestoßene und Frustrierte treffen – während die Frauen irgendwie ihren Weg gehen. Sind einmal mehr die XY-Chromosomenträger die Verlierer?

Hans Rath: Gewinnen und Verlieren sind in Herzensangelegenheiten relative Größen. Ich glaube, nirgendwo sonst werden so viele Pyrrhus-Siege gefeiert wie im Lotterbett und vor dem Traualtar.

Frage: Dr. Paul Schuberth hat auch noch einen Beruf, ist Personalverantwortlicher in einem großen Unternehmen. Ist das der Ort, um beziehungstechnische Frustrationen zu sublimieren?

Hans Rath: Unter all jenen Dingen, mit denen beziehungstechnischer Frust sublimiert werden kann, hat der Job bei Männern nach meiner Vermutung einen der vorderen Plätze. Alkohol, Autos, Sport und Vereine würde ich ebenfalls unter den Top Five vermuten.

Die Fragen stellte Henrik Flor, Literaturtest.

Quelle: http://www.amazon.de/Man-tut-was-man-kann/dp/3805208707

Aha …

Sexistischer Kackscheiss!

(Warum habe ich eigentlich nie diese grossen Klebebanner dabei, wenn ich sie brauche?)

Geht´s noch?

Juni 15, 2011 10 Kommentare

Bisher las ich die Berliner Zeitung recht gern und war häufig positiv von Artikeln überrascht, die einen sachlich kritischen Blick auf gesellschaftlich relevante Themen warfen. Diese Perspektive scheint aber in der letzten Wochenendausgabe abhanden gekommen zu sein.

Unter der Überschrift „Die Macht der Frauen“ können wir im Magazin-Teil die „Gedankensprünge“ von Regine Sylvester lesen, die in ihren Aussagen ein Jahrhundert Frauenbewegung und emanzipatorische Entwicklung negiert und dabei Begriffe wie Roll-Back weit in den Schatten stellt.
Schon das Titelbild, das zwei Drittel der ersten Seite des Artikels füllt und mit den Worten „Frauen dürfen heute alles zeigen, was sie haben. Sie wissen, dass sie die Männer damit erregen.“ unterschrieben ist, lässt eine_n schlucken.

Im Printmedium zeigt das Bild auch das tiefe Dekolleté der Frau mit dem Fernglas.

(Obiges Bild ist der Webausgabe der Berliner Zeitung entnommen.)

Im Folgenden widmet sich die Autorin der Frage, ob Männer immer schuld an Gewalt, Affären und Übergriffen seien und wie es in diesem Zusammenhang um die Macht der Frauen bestellt ist. Sie springt zwischen vielen Themen hin und her und vermischt private, individuelle Erlebnisse mit Ergebnissen aus (wissenschaftlichen) Studien.

Zunächst einmal wird aber von Regine Sylvester männliche Gewalt banalisiert, wenn sie über die jüngsten tödlichen Ereignisse in Rostock-Warnemünde anlässlich des sogenannten „Herrentages“ (Christi Himmelfahrt) schreibt:

Männer – nur einige, keineswegs alle, und eher jüngere als ältere – zeigen die alberne, die rüpelhafte Seite ihres Selbstverständnisses. Diese Gruppen können auch gefährlich werden. Am kleinen Müggelsee gab es dieses Jahr eine Keilerei. In Warnemünde starb ein Familienvater wegen nichts aus dem Nichts: Zwei konkurrierende Wandergruppen hatten sich gestritten, welche den schöneren Karren zog: einen Einkaufswagen oder einen Bollerwagen. Unter Männern kann eine seltsame Gewalt gären, die sie plötzlich aufeinander richten. Bei Kneipenschlägereien, Kriegen zwischen Fußballfans oder Rockern haben Frauen nichts zu suchen.

Tödliche Gewalt ist keineswegs „rüpelhaft“ und der Mann in Rostock starb nicht „aus dem Nichts“ – er erlag seinen Verletzungen nach einem massiven Schlag auf den Hinterkopf. Gewalt von/unter Männern ist nicht „seltsam“ sondern grauenvoll und abstossend. Und sie ist Teil der Inszenierung des Männlichen, das von einer patriachal geprägten Gesellschaft vorgeschrieben wird. Frauen finden wir in diesem Kontext (meist) nur als Opfer wieder.

Der nächste  Gedankensprung der Autorin entzieht sich meinem Verständnis und stellt sich mir als inhaltsleer dar. Im Wesentlichen scheint es ihr hier um Kolleginnen-Bashing zu gehen. Wer mag, kann die entsprechenden Passagen selbst lesen – ich lasse sie hier aus.

Der dritte Abschnitt des Textes wird eingeleitet mit den Worten „Ich komme aus dem Osten.“ Ach so – und was hat das mit dem Thema zu tun? Frau Sylvester klärt uns auf. Sie zitiert aus einer ihrer Kolumnen aus dem Jahre 1993, an der sie auch heute kein Wort ändern würde:

„Könnte es sein, dass der feministische Aufbruch auch Verluste brachte? Zerfall der Geschlechterrollen ohne erkennbare lebenslustige Alternative? Verunsicherte Männer trauen sich nicht, einer Frau in den Mantel zu helfen. Anerkennende Pfiffe auf der Straße gelten als Sexismus. Ich denke da anders: So lange einer pfeift, ist alles in Ordnung. Will wirklich keine angesprochen werden? Man kann doch Nein sagen. Ich frage mich, wie die Frauen im Westen überhaupt Männer kennenlernen.“

Bitte? Ein Kennenlernen von Frauen und Männern auf gleicher Augenhöhe und eine Ansprache ohne sexistischen Unterton ist nicht möglich? Achso – im Osten zählt oben genanntes nicht als Sexismus. Und nach über 20 Jahren Mauerfall immer noch. Solche Aussagen, Frau Sylvester, halte ich für „Unsinn“.

Einverstanden bin ich mit der Aussage, dass Frauen nicht die besseren Menschen seien und ich gehe davon aus, das sexismuskritische Menschen dem nicht widersprechen.

Die folgenden Gedanken von Regine Sylvester wagen den Sprung ins Absurde. Sie erzählt uns von mächtigen Frauen und deren Mitteln, um ihre Macht zu erhalten. Die Macht der Verführung! Als historische Beispiele führt die Autorin Kleopatra und Helena ins Feld. Hier stellt sich zum ersten Mal die Frage: Geht´s noch? Die eine der beiden verlor bewiesenermaßen ohne die Männer an ihrer Seite all ihre Macht und sie hatte keinerlei Einfluß darauf. Und von der anderen ist nicht einmal klar, ob sie nicht nur eine Figur eines Epos von Homer war.

Aber es kommt noch dicker:

Die Kunst der Verführung, heute weitgehend heruntergekommen zur sexuellen Anmache, drängelt sich auf der Rampe der Aufmerksamkeit. Man kann gar nicht wegsehen, Hintern und Brüste auf der Titelseite, auf dem Plakat. Tussis mit gürtelbreiten Röcken steigen vor dir die S-Bahn-Treppe hoch. Frauen dürfen heute alles zeigen, was sie haben. Sie wissen, dass sie die Männer damit erregen, aber die dürfen sich nicht aufgefordert fühlen.

Zu was dürfen sich die Männer nicht aufgefordert fühlen. Vielleicht zu dem, was Lara Logan von Männern angetan wurde und von dem sie in diesem Interview spricht (Vorsicht: Triggerwarnung)?

Im nächsten  Gedankensprung, der in unverständlicher Weise Erkenntnisse aus Studien mit individuellen und subjektiven Erlebnissen vermischt, will Frau Sylvester aufzeigen, dass Frauen ebenso gewalttätig sind wie Männer. Hier bezieht sich sie sich im Wesentlichen auf eine Studie von Dr. Peter Döge, die im Auftrag der Männerarbeit der Evangelischen Kirche Deutschlands erstellt wurde.

2010 zeigte eine Studie der evangelischen Kirche, dass beide Geschlechter fast gleich häufig Täter sind, etwa 30 Prozent der Frauen und 34 Prozent der Männer üben Gewalt aus. Wenn Männer gewalttätig werden, sind sie es meist gegen Fremde. Gewalt von Frauen richtet sich gegen den eigenen Partner.

Den Gewaltbegriff und die Methode, die dieser Studie zu Grunde liegen, werden im Artikel leider nicht erwähnt.

Die Gewalthandlungen wurden entlang der Conflict Tactic Scale kategorisiert und abgefragt. Damit liegt der Sonderauswertung ein weiter Gewaltbegriff zugrunde, der Gewalt nicht auf (sichtbare) physische Gewalt reduziert. Denn nur ein dementsprechend weiter Gewaltbegriff vermeidet unzulässige geschlechtsspezifische Zuschreibungen von Täterschaft und Opferschaft.

Quelle: MÄNNERSTUDIE 2009

Befragen wir hier doch einmal Wikipedia:

Conflict Tactic Scale misst retrospektiv, welche Taktiken (Schreien, Schubsen, Schlagen, usw.) von den Individuen während eines Jahres zur Austragung von Konflikten angewandt wurden. Nicht erfasst werden hingegen die Gründe (z.B. Angriff oder Verteidigung) und die Konsequenzen (z.B. Verletzung) der gewählten Taktik. Vorteil einer solchen Messung ist ihre Objektivität, welche die subjektive Bewertung der Handlung durch das Individuum ausschaltet. Die Abwesenheit wenigstens eines Minimums an Kontext ist jedoch auch der größte Nachteil der Methode, da es bei der Interpretation der Zahlen auch für den Forscher nicht möglich ist, die Handlung zu bewerten.

Die auf diese Weise erhaltenen Zahlen wurde immer wieder als Beleg für die Hypothese benutzt, häusliche Gewalt zwischen Paaren würde gleich oft von Frauen wie von Männern ausgehen und Männer würden gleich oft Opfer häuslicher Gewalt, wie Frauen – und dies, obwohl auch der Autor der Methode darauf hinweist, dass diese Interpretation ohne weitere Untersuchungen nicht zulässig sei. Diese Hypothese rief in sozialwissenschaftlichen, kriminologischen und viktimologischen Kreisen einen Methodenstreit hervor, der bis heute anhält, da die Zahlen mit anderen Methoden bisher nicht verifiziert werden konnten. Auf der anderen Seite werden geschlechtersymmetrische Rohdaten aus CTS-Untersuchungen von politischen Kreisen immer wieder dazu benutzt, die hauptsächlich auf Frauen und Kinder zugeschnittene Opferschutzpolitik westlicher Länder zu kritisieren und infragezustellen.

Quelle: Wikipedia

Der zitierten Studie halte ich kommentarlos die Zahlen aus dem Gender Datenreport Berlin 2010 entgegen:

Als häusliche Gewalt bezeichnet man Gewaltstraf­taten in partnerschaftlichen oder ähnlichen persön­lichen Beziehungen. Die Gewalt geht in bis zu 80 % der Fälle von Männern aus. Der Bedeutung und Schwere dieser Straftaten trägt die Berliner Polizei durch ein gesondertes Erhebungs- und Analysever­fahren Rechnung. Im Jahr 2009 wurden 16 285 Fälle häuslicher Gewalt aktenkundig. Damit ist erstmals seit Beginn der systematischen Erfassung ein leich­ter Rückgang um 97 Fälle zu verzeichnen. Bei drei Viertel aller Taten handelt es sich um Rohheitsdelik­te, darunter u. a. 7 328 Fälle leichter und 1 530 Fälle schwerer Körperverletzung. Zudem wurden vier voll­endete Tötungsdelikte und zwölf Tötungsversuche registriert sowie 140 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, davon 108 Fälle von Vergewalti­gung bzw. sexueller Nötigung.

Insgesamt ermittelte die Polizei im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt 10 502 Tatverdächtige, darun­ter 8 049 Männer (77 %). 13 343 Personen wurden als Opfer dieser Straftat registriert, dabei handelte es sich ganz überwiegend um Frauen (77 %).

Quelle: Gender Datenreport Berlin 2010

Der letzte Gedankensprung von Regine Sylvester, mit dem ich mich hier beschäftige, ist ein Faustschlag ins Gesicht von Vergewaltigungsopfern. Zunächst zitiert sie aus einem Interview mit der Schriftstellerin Catherine Millet, in dem diese die Meinung vertritt, dass eine Vergewaltigung die Persönlichkeit einer Frau nicht schädigen könne, da diese sich nicht auf das Körperliche reduzieren lasse (welch eine Verkehrung von feministischen Standpunkten!).  Im weiteren stellt Frau Sylvester ihre eigen Ansicht zur Thematik klar:

In einem Alter, das sich bestimmte Sätze fürs ganze Leben merkt, habe ich den Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ gesehen, den berühmten Italo-Western. Claudia Cardi-nale spielt eine junge schöne Witwe zwischen unberechenbaren Männern. Einer droht, sie zu vergewaltigen. Sie reagiert mit einer kurzen Ansprache: Sie könne sich nicht gegen ihn wehren. Aber danach würde sie in einen großen Eimer viel heißes Wasser gießen und sich waschen. Und alles wäre wie vorher.

Mir ist das nie passiert, aber ich hoffe, dass ich mit so einer Situation ähnlich stark umgehen könnte.

Geht´s noch?

Mit Abdruck dieses Artikels begibt sich die Berliner Zeitung auf unterstes Bild-Zeitungs-Niveau. Werden solche Artikel eigentlich nicht gegengelesen?

Ich wünsche mir eine Entschuldigung und Rückkehr zu qualitativ anspruchsvoller redaktioneller Arbeit!

P.S.:Auf die  abstrusen Ratschläge, wie frau mit sexuellen Belästigungen umgehen soll und die unerträglichen Seitenhiebe auf Emanzen mit Damenbart möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen.

(Alle Zitate, bei denen keine Quelle angegeben ist, sind dem Artikel von Regine Sylvester in der Berliner Zeitung entnommen)

Unter folgender Mail-Adresse können bei der Berliner Zeitung mit dem Betreff „Die Macht der Frauen“ Meinungen zum Artikel abgegeben werden: leserbriefe@berliner-zeitung.de

Objektivierung von Frauen in der Werbung

Juni 1, 2011 1 Kommentar

In diesem kurzen Video erklärt Jean Kilbourne sehr eindrucksvoll, wie Frauen(bilder) in Werbung zu Objekten stilisiert werden. Sehr sehenswert!

gefunden bei MoveOn.org

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