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Zeitalter der Sklavenhändler

Sie hockten wie in einem Käfig, unfähig zu entfliehen, obwohl er weit offen stand. Nichts außerhalb des Käfigs hatte noch Bedeutung, denn außerhalb des Käfigs gab es nichts mehr. In diesem Käfig blieben sie. Alles andere blieb ihnen unbekannt. Nicht einmal die Andeutung eines Wunsches richtete sich auf irgend etwas jenseits der Gitterstäbe. Es wäre ungewöhnlich, sogar unmöglich, zu etwas fliehen zu wollen, das weder Wirklichkeit noch Bedeutung hat. Völlig ausgeschlossen. Denn im Inneren des Käfigs, in dem sie geboren wurden und starben, war die einzig ertragbare Erfahrungswelt das Wirkliche, das lediglich ihr unerschütterlicher Instinkt war, in den Dingen Bedeutung sehen zu wollen. Denn nur, wenn sie in den Dingen Bedeutung sehen konnten, konnten sie atmen und leiden. Es schien, als ob es darüber zwischen ihnen und den stummen Toten eine Übereinkunft gegeben hätte, denn die Gewohnheit, so zu tun, als hätten die Dinge Bedeutung, war zu einem menschlichen Instinkt geworden, den man für unveränderlich hätte halten können. Das Leben war das, was Bedeutung hatte. Das Wirkliche gehörte zu dem Instinkt, der dem Leben ein wenig Sinn gab. Der Instinkt ließ außer Betracht, was jenseits des Wirklichen existieren könnte, denn es gab nichts jenseits des Wirklichen. Nichts, das Bedeutung hätte. Der Käfig blieb offen und wurde immer qualvoller in seiner Wirklichkeit, die aus zahllosen Gründen und auf zahllose Arten Bedeutung hatte. Wir haben nie das Zeitalter der Sklavenhändler verlassen.

Die Leute zeigen in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die sie mit statistischer Gleichgültigkeit gegeneinander werfen, einen unerträglichen Ausdruck von Enttäuschung, Hochmut und Verachtung, so wie ein zahnloser Hund den Eindruck des Todes hervorruft. Die Atmosphäre der falschen Kommunikation macht jeden zum Polizisten seiner eigenen Begegnungen. Der Aggressions- und Fluchtinstinkt folgt der Spur der modernen Ritter der Lohnabhängigen, die für ihre jämmerlichen Streifzüge nur noch die U-Bahn und die Vorstadtzüge haben. Wenn die Menschen sich in Skorpione verwandeln, die sich selbst und sich gegenseitig stechen — liegt dann der Grund dafür nicht darin, dass nichts geschehen ist, dass die Menschen mit leeren Augen und ausgetrocknetem Gehirn „mysteriöserweise” zu Schatten von Menschen, zu Phantomen ihrer selbst geworden sind und an einem bestimmten Punkt nur noch dem Namen nach Menschen sind?

Gemeinsam haben wir nur noch die Illusion, zusammen zu sein. Gewiss, ein echtes kollektives Leben beginnt im Verbotenen mitten im Zentrum der Illusion zu keimen — es gibt keine Illusion, die nicht irgendeinen Rückhalt im Wirklichen hat —, doch eine wahre Gemeinschaft muss erst noch geschaffen werden. Es kommt vor, dass die Kraft der Lüge die harte Realität der eige¬nen Isolierung aus dem Bewusstsein der Menschen verdrängt. Es kommt vor, dass man in einer belebten Straße vergisst, dass es noch Leiden und Trennungen gibt. Doch gerade weil man es aufgrund der Kraft der Lüge vergisst, versteinern sich Leiden und Trennungen. Auf diesem Stein wird das Rückgrat der Lüge selbst zerbrechen. Keine Illusion kann sich mit der Größe unserer Verwirrung messen.
Das Unbehagen überfällt mich in dem Ausmaß der Menge, die mich umgibt. Sogleich tauchen die Kompromisse, die ich der Dummheit gegenüber geschlossen hatte, wieder vor mir auf und stürzen auf wahnhaften Wogen von Köpfen ohne Gesicht auf mich zu. Das berühmte Bild von Edvard Münch „Der Schrei” weckt in mir eine Empfindung, die ich zehnmal am Tag nacherlebe. Ein Mensch, der von einer Menge fortgeschwemmt wird, die nur er allein sieht, schreit plötzlich auf, um den Bann zu brechen, um sich an sich selbst zu erinnern, um in seine Haut zurückzufinden. Stillschweigendes Einverständnis, erstarrtes Lächeln, Worte ohne Lebendigkeit, Schlaffheit und Demütigungen sammeln sich unter seinen Schritten an, strömen in ihn hinein, treiben seine Wünsche und Träume aus ihm heraus, vernichten die Illusion, „mit jemandem zusammen zu sein”. Man geht nebeneinander her, ohne einander zu begegnen. Die wachsende Isolierung kennt kein Ende. Je dichter die Menschen zusammen leben, um so stärker bemächtigt sich ihrer die Leere. Die Menge zerrt mich aus mir heraus und lässt in meiner Leere tausend kleine Verzichte entstehen.

Überall wiederholt die glitzernde Neonreklame den Satz Plotins: „Alle Lebewesen sind zusammen, obwohl jedes einzelne von ihnen getrennt bleibt.” Dennoch genügt es, die Hand auszustrecken, um sich zu berühren, die Augen emporzurichten, um einander zu begegnen, und durch diese einfache Geste wird alles wie durch Zauberkunst nah und fern.

(Raoul Vaneigem, Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen, Nautilus, 2008)

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