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Geht´s noch?

Juni 15, 2011 10 Kommentare

Bisher las ich die Berliner Zeitung recht gern und war häufig positiv von Artikeln überrascht, die einen sachlich kritischen Blick auf gesellschaftlich relevante Themen warfen. Diese Perspektive scheint aber in der letzten Wochenendausgabe abhanden gekommen zu sein.

Unter der Überschrift „Die Macht der Frauen“ können wir im Magazin-Teil die „Gedankensprünge“ von Regine Sylvester lesen, die in ihren Aussagen ein Jahrhundert Frauenbewegung und emanzipatorische Entwicklung negiert und dabei Begriffe wie Roll-Back weit in den Schatten stellt.
Schon das Titelbild, das zwei Drittel der ersten Seite des Artikels füllt und mit den Worten „Frauen dürfen heute alles zeigen, was sie haben. Sie wissen, dass sie die Männer damit erregen.“ unterschrieben ist, lässt eine_n schlucken.

Im Printmedium zeigt das Bild auch das tiefe Dekolleté der Frau mit dem Fernglas.

(Obiges Bild ist der Webausgabe der Berliner Zeitung entnommen.)

Im Folgenden widmet sich die Autorin der Frage, ob Männer immer schuld an Gewalt, Affären und Übergriffen seien und wie es in diesem Zusammenhang um die Macht der Frauen bestellt ist. Sie springt zwischen vielen Themen hin und her und vermischt private, individuelle Erlebnisse mit Ergebnissen aus (wissenschaftlichen) Studien.

Zunächst einmal wird aber von Regine Sylvester männliche Gewalt banalisiert, wenn sie über die jüngsten tödlichen Ereignisse in Rostock-Warnemünde anlässlich des sogenannten „Herrentages“ (Christi Himmelfahrt) schreibt:

Männer – nur einige, keineswegs alle, und eher jüngere als ältere – zeigen die alberne, die rüpelhafte Seite ihres Selbstverständnisses. Diese Gruppen können auch gefährlich werden. Am kleinen Müggelsee gab es dieses Jahr eine Keilerei. In Warnemünde starb ein Familienvater wegen nichts aus dem Nichts: Zwei konkurrierende Wandergruppen hatten sich gestritten, welche den schöneren Karren zog: einen Einkaufswagen oder einen Bollerwagen. Unter Männern kann eine seltsame Gewalt gären, die sie plötzlich aufeinander richten. Bei Kneipenschlägereien, Kriegen zwischen Fußballfans oder Rockern haben Frauen nichts zu suchen.

Tödliche Gewalt ist keineswegs „rüpelhaft“ und der Mann in Rostock starb nicht „aus dem Nichts“ – er erlag seinen Verletzungen nach einem massiven Schlag auf den Hinterkopf. Gewalt von/unter Männern ist nicht „seltsam“ sondern grauenvoll und abstossend. Und sie ist Teil der Inszenierung des Männlichen, das von einer patriachal geprägten Gesellschaft vorgeschrieben wird. Frauen finden wir in diesem Kontext (meist) nur als Opfer wieder.

Der nächste  Gedankensprung der Autorin entzieht sich meinem Verständnis und stellt sich mir als inhaltsleer dar. Im Wesentlichen scheint es ihr hier um Kolleginnen-Bashing zu gehen. Wer mag, kann die entsprechenden Passagen selbst lesen – ich lasse sie hier aus.

Der dritte Abschnitt des Textes wird eingeleitet mit den Worten „Ich komme aus dem Osten.“ Ach so – und was hat das mit dem Thema zu tun? Frau Sylvester klärt uns auf. Sie zitiert aus einer ihrer Kolumnen aus dem Jahre 1993, an der sie auch heute kein Wort ändern würde:

„Könnte es sein, dass der feministische Aufbruch auch Verluste brachte? Zerfall der Geschlechterrollen ohne erkennbare lebenslustige Alternative? Verunsicherte Männer trauen sich nicht, einer Frau in den Mantel zu helfen. Anerkennende Pfiffe auf der Straße gelten als Sexismus. Ich denke da anders: So lange einer pfeift, ist alles in Ordnung. Will wirklich keine angesprochen werden? Man kann doch Nein sagen. Ich frage mich, wie die Frauen im Westen überhaupt Männer kennenlernen.“

Bitte? Ein Kennenlernen von Frauen und Männern auf gleicher Augenhöhe und eine Ansprache ohne sexistischen Unterton ist nicht möglich? Achso – im Osten zählt oben genanntes nicht als Sexismus. Und nach über 20 Jahren Mauerfall immer noch. Solche Aussagen, Frau Sylvester, halte ich für „Unsinn“.

Einverstanden bin ich mit der Aussage, dass Frauen nicht die besseren Menschen seien und ich gehe davon aus, das sexismuskritische Menschen dem nicht widersprechen.

Die folgenden Gedanken von Regine Sylvester wagen den Sprung ins Absurde. Sie erzählt uns von mächtigen Frauen und deren Mitteln, um ihre Macht zu erhalten. Die Macht der Verführung! Als historische Beispiele führt die Autorin Kleopatra und Helena ins Feld. Hier stellt sich zum ersten Mal die Frage: Geht´s noch? Die eine der beiden verlor bewiesenermaßen ohne die Männer an ihrer Seite all ihre Macht und sie hatte keinerlei Einfluß darauf. Und von der anderen ist nicht einmal klar, ob sie nicht nur eine Figur eines Epos von Homer war.

Aber es kommt noch dicker:

Die Kunst der Verführung, heute weitgehend heruntergekommen zur sexuellen Anmache, drängelt sich auf der Rampe der Aufmerksamkeit. Man kann gar nicht wegsehen, Hintern und Brüste auf der Titelseite, auf dem Plakat. Tussis mit gürtelbreiten Röcken steigen vor dir die S-Bahn-Treppe hoch. Frauen dürfen heute alles zeigen, was sie haben. Sie wissen, dass sie die Männer damit erregen, aber die dürfen sich nicht aufgefordert fühlen.

Zu was dürfen sich die Männer nicht aufgefordert fühlen. Vielleicht zu dem, was Lara Logan von Männern angetan wurde und von dem sie in diesem Interview spricht (Vorsicht: Triggerwarnung)?

Im nächsten  Gedankensprung, der in unverständlicher Weise Erkenntnisse aus Studien mit individuellen und subjektiven Erlebnissen vermischt, will Frau Sylvester aufzeigen, dass Frauen ebenso gewalttätig sind wie Männer. Hier bezieht sich sie sich im Wesentlichen auf eine Studie von Dr. Peter Döge, die im Auftrag der Männerarbeit der Evangelischen Kirche Deutschlands erstellt wurde.

2010 zeigte eine Studie der evangelischen Kirche, dass beide Geschlechter fast gleich häufig Täter sind, etwa 30 Prozent der Frauen und 34 Prozent der Männer üben Gewalt aus. Wenn Männer gewalttätig werden, sind sie es meist gegen Fremde. Gewalt von Frauen richtet sich gegen den eigenen Partner.

Den Gewaltbegriff und die Methode, die dieser Studie zu Grunde liegen, werden im Artikel leider nicht erwähnt.

Die Gewalthandlungen wurden entlang der Conflict Tactic Scale kategorisiert und abgefragt. Damit liegt der Sonderauswertung ein weiter Gewaltbegriff zugrunde, der Gewalt nicht auf (sichtbare) physische Gewalt reduziert. Denn nur ein dementsprechend weiter Gewaltbegriff vermeidet unzulässige geschlechtsspezifische Zuschreibungen von Täterschaft und Opferschaft.

Quelle: MÄNNERSTUDIE 2009

Befragen wir hier doch einmal Wikipedia:

Conflict Tactic Scale misst retrospektiv, welche Taktiken (Schreien, Schubsen, Schlagen, usw.) von den Individuen während eines Jahres zur Austragung von Konflikten angewandt wurden. Nicht erfasst werden hingegen die Gründe (z.B. Angriff oder Verteidigung) und die Konsequenzen (z.B. Verletzung) der gewählten Taktik. Vorteil einer solchen Messung ist ihre Objektivität, welche die subjektive Bewertung der Handlung durch das Individuum ausschaltet. Die Abwesenheit wenigstens eines Minimums an Kontext ist jedoch auch der größte Nachteil der Methode, da es bei der Interpretation der Zahlen auch für den Forscher nicht möglich ist, die Handlung zu bewerten.

Die auf diese Weise erhaltenen Zahlen wurde immer wieder als Beleg für die Hypothese benutzt, häusliche Gewalt zwischen Paaren würde gleich oft von Frauen wie von Männern ausgehen und Männer würden gleich oft Opfer häuslicher Gewalt, wie Frauen – und dies, obwohl auch der Autor der Methode darauf hinweist, dass diese Interpretation ohne weitere Untersuchungen nicht zulässig sei. Diese Hypothese rief in sozialwissenschaftlichen, kriminologischen und viktimologischen Kreisen einen Methodenstreit hervor, der bis heute anhält, da die Zahlen mit anderen Methoden bisher nicht verifiziert werden konnten. Auf der anderen Seite werden geschlechtersymmetrische Rohdaten aus CTS-Untersuchungen von politischen Kreisen immer wieder dazu benutzt, die hauptsächlich auf Frauen und Kinder zugeschnittene Opferschutzpolitik westlicher Länder zu kritisieren und infragezustellen.

Quelle: Wikipedia

Der zitierten Studie halte ich kommentarlos die Zahlen aus dem Gender Datenreport Berlin 2010 entgegen:

Als häusliche Gewalt bezeichnet man Gewaltstraf­taten in partnerschaftlichen oder ähnlichen persön­lichen Beziehungen. Die Gewalt geht in bis zu 80 % der Fälle von Männern aus. Der Bedeutung und Schwere dieser Straftaten trägt die Berliner Polizei durch ein gesondertes Erhebungs- und Analysever­fahren Rechnung. Im Jahr 2009 wurden 16 285 Fälle häuslicher Gewalt aktenkundig. Damit ist erstmals seit Beginn der systematischen Erfassung ein leich­ter Rückgang um 97 Fälle zu verzeichnen. Bei drei Viertel aller Taten handelt es sich um Rohheitsdelik­te, darunter u. a. 7 328 Fälle leichter und 1 530 Fälle schwerer Körperverletzung. Zudem wurden vier voll­endete Tötungsdelikte und zwölf Tötungsversuche registriert sowie 140 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, davon 108 Fälle von Vergewalti­gung bzw. sexueller Nötigung.

Insgesamt ermittelte die Polizei im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt 10 502 Tatverdächtige, darun­ter 8 049 Männer (77 %). 13 343 Personen wurden als Opfer dieser Straftat registriert, dabei handelte es sich ganz überwiegend um Frauen (77 %).

Quelle: Gender Datenreport Berlin 2010

Der letzte Gedankensprung von Regine Sylvester, mit dem ich mich hier beschäftige, ist ein Faustschlag ins Gesicht von Vergewaltigungsopfern. Zunächst zitiert sie aus einem Interview mit der Schriftstellerin Catherine Millet, in dem diese die Meinung vertritt, dass eine Vergewaltigung die Persönlichkeit einer Frau nicht schädigen könne, da diese sich nicht auf das Körperliche reduzieren lasse (welch eine Verkehrung von feministischen Standpunkten!).  Im weiteren stellt Frau Sylvester ihre eigen Ansicht zur Thematik klar:

In einem Alter, das sich bestimmte Sätze fürs ganze Leben merkt, habe ich den Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ gesehen, den berühmten Italo-Western. Claudia Cardi-nale spielt eine junge schöne Witwe zwischen unberechenbaren Männern. Einer droht, sie zu vergewaltigen. Sie reagiert mit einer kurzen Ansprache: Sie könne sich nicht gegen ihn wehren. Aber danach würde sie in einen großen Eimer viel heißes Wasser gießen und sich waschen. Und alles wäre wie vorher.

Mir ist das nie passiert, aber ich hoffe, dass ich mit so einer Situation ähnlich stark umgehen könnte.

Geht´s noch?

Mit Abdruck dieses Artikels begibt sich die Berliner Zeitung auf unterstes Bild-Zeitungs-Niveau. Werden solche Artikel eigentlich nicht gegengelesen?

Ich wünsche mir eine Entschuldigung und Rückkehr zu qualitativ anspruchsvoller redaktioneller Arbeit!

P.S.:Auf die  abstrusen Ratschläge, wie frau mit sexuellen Belästigungen umgehen soll und die unerträglichen Seitenhiebe auf Emanzen mit Damenbart möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen.

(Alle Zitate, bei denen keine Quelle angegeben ist, sind dem Artikel von Regine Sylvester in der Berliner Zeitung entnommen)

Unter folgender Mail-Adresse können bei der Berliner Zeitung mit dem Betreff „Die Macht der Frauen“ Meinungen zum Artikel abgegeben werden: leserbriefe@berliner-zeitung.de