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Die BVG und das Bordell

Vor ein paar Tagen war ich in der Stadt unterwegs und eine Strassenbahn kreuzte meinen Weg.

Eine Strassenbahn mit einem Werbeschriftzug – na und? Und Artemis ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Jagd, des Waldes und auch die Hüterin der Frauen und Kinder – ist doch super. Aber falsch gedacht – hier wird weder für Griechenland noch dort ansässige Göttinnen geworben. Das „Artemis“ ist Berlins grösstes Bordell, von dem die Eigentümer verharmlosend als „FKK und Saunaclub“ reden.

Werbung, wie die an den BVG-Strassenbahnen ist seit der Einführung des Prostitutionsgesetzes im Januar 2002 möglich. „Seither ist das einst als „sittenwidrig“ geächtete, halblegale Geschäft für die nun legalen Bordellbetreiber und Zuhälter (sowie auch für die illegalen Menschenhändler) eine gesellschaftsfähige und noch gewinnbringendere Sache. Die Prostitution ist rausgekommen aus ihrer Schmuddelecke und eingezogen in die Mitte der Gesellschaft.“ stellt die Emma fest.
Im selben Artikel wird klargestellt, dass die beabsichtigte Besserstellung der Prostituierten durch die Reform des Gesetzes fatale Folgen hatte. Unter anderem wurde der Strafrechtsparagraph „Förderung der Prostitution“ (§180a StGB) – „und damit auch eine Zugriffsmöglichkeit gegen Frauenhandel und Zwangsprostitution via Razzien in Bordellen und einschlägigen Wohnungen“ – ersatzlos gestrichen. Eine Nachbesserung des Prostitutionsgesetzes ist zwingend notwendig!

Aber zurück zur Strassenbahn-Werbung: Ich bin der Meinung, solch eine Reklame hat im öffentlichen Raum nichts zu suchen. Sie suggeriert vor allem Kinder und Jugendlichen, dass Frauen Ware sind und Prostitution „normal“. Da davon auszugehen ist, dass mindestens die Hälfte (wenn nicht sogar zwei Drittel) der geschätzten 400000 Prostituierten in Deutschland dazu gezwungen werden (wenn die schlechte wirtschaftliche Lage von Frauen zu Grunde gelegt wird, sprechen einige auch von 95% aller Prostituierten), meine ich, dass die BVG mit der „Artemis“-Werbung den Frauenhandel und Zwangsprostitution relativiert.

Auf der Kontakt-Seite der BVG kann Jede_r eine Nachricht hinterlassen und ich habe heute Folgendes geschrieben:

Die BVG wirbt auf ihren Fahrzeugen für das Bordell „Artemis“. Durch diese Werbung wird suggeriert, dass Frauen Ware sind und Prostitution ist O.K. Da mindestens die Häfte der Prostituierten in Deutschland zur Prostitution gezwungen werden, relativiert die BVG mit dieser sexistischen Werbung meiner Meinung nach indirekt den Frauenhandel und Zwangsprostitution. Da auch viele Kinder und Jugendliche mit Bussen und Bahnen der BVG unterwegs sind, trägt die BVG hier eine hohe Verantwortung. Ich fordere Sie hiermit dazu auf, die „Artemis“-Werbung aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. MFG …

Ich bin gespannt auf die Antwort.

Zu sexistischer Werbung im öffentlichen Raum hat auch Verena bei der Mädchenmannschaft einen Artikel geschrieben.

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  1. Mai 18, 2010 um 11:12 am

    Hier wird m.E. einiges vermischt, weil es in der Tabuzone meist im Dunkeln gehalten wird.

    Zwang kann entstehen durch gewaltförmige oder betrügerische Ausbeutung von Einzeltätern, oder aber durch strukturelle Verhältnisse in Natur und Kultur (Futtermangel, Konkurrenz, ungerechte Verteilung zwischen Klassen und Geschlechtern).

    Arbeiten müssen wir alle, solange es kein bedingungsloses Grundeinkommen als ökonomische Basis für die Menschenrechte gibt. Gezwungen zur Arbeit sind wir umso mehr in prekären Wirtschaftslagen und durch widrige Verhältnisse (Alleinerziehende, Alleingelassene, Unausgebildete, illegalisierte MigrantIn..).

    Das Tabu liegt begründet in der nicht immer lieblichen Urkraft Sexualität im allgemeinen und der vielen fragwürdig scheinenden Kulturtradition Prostitution im speziellen.

    Aber es gibt auch ein Geldtabu. Geld ist verantwortlich für die in der Gesellschaft weit verbreitete nichtsexuelle Prostitution. Menschen verkaufen sich, ihre Muskelkraft, Geisteskraft, Stimme oder eben Sexualkompetenz.

    Warum sollen Frauen durch die Existenz des Phänomens Prostitution mehr käuflich sein, als durch die Tatsache von Gelderfindung oder Versorgungsehen? Keinesfall ist für Frauen, Männer oder Transsexuelle Geldnot die Alleinursache für Sexarbeit oder Migration.

    Ausgebeutet werden regelmäßig die unterprevilegierten, schwachen, kranken, alten, jungen, dummen, armen, nichtabgesicherten und nichtausgebildeten. Das sind z.B. viele Prostituierte.

    Es müssten evt. auch Zeitarbeitsfirma-Anzeigen auf Straßenbahnen verboten werden, wenn man bedenkt welcher Mißbrauch unserer schwer errungenen Sozialstandards damit betrieben wird.

    Bekämpft Armut und Ausbeutung – nicht Sexworker und Prostitution per se.

    Marc vom intl. Sexworker Forum,
    der Gewerkschaft für Sexworker in A – CH – D.

    • Mai 18, 2010 um 9:39 pm

      Hallo Marc,
      danke für Deinen Kommentar. Auch wenn ich ihn teilweise nicht verstehe, versuche ich mal zu antworten.
      Mir ging es nicht darum, Sexworker zu bekämpfen, sondern sexistische Werbung im öffentlichen Raum und einhergende Relativierung von Zwangsprostitution und Frauenhandel. In diesem Zusammenhang mahne ich eine Nachbesserung des Prostitutionsgesetzes an, damit wieder eine Handhabe gegen Menschenhändler besteht.
      Zwang entsteht in der Prostitution nicht durch Einzeltäter, sondern durch organisierte Banden. Frauen werden entweder aus ihren Heimatländern verschleppt oder mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt, wo sie dann ihren aufgrund ihres Status ihren Penigern hilflos ausgeliefert sind. Diese Frauen verkaufen nicht ihre „Sexualkompetenz“, sondern werden als Waren behandelt. Und wenn ich mir die Seite vom „Artemis“ anschaue, passiert hier das Gleiche. Ich sehe das wie Kate Millett, die in ihrem Buch ‚Das verkaufte Geschlecht’ klarstellte: „Was die Prostituierte in Wahrheit verkauft, ist nicht Sex, sondern ihre Entwürdigung. Und der Käufer, ihr Kunde, kauft nicht Sexualität, sondern Macht.“

      Im Übrigen solltest Du als gewerkschaftlicher Vertreter auch etwas gegen das „Artemis“ haben. Denn wie auf der Website zu erfahren ist, arbeiten die Frauen auch im „Artemis“ wie die meisten „freiwilligen“ (ich halte diese Freiwilligkeit für künstlich geschaffen) Prostituierten in Deutschland ohne Arbeitsvertrag auf Selbsständigenbasis mit wahrscheinlich ausbeuterischen Konditionen. Und auch hier wird mit FO (Oralverkehr ohne Kondom) geworben.

      Eine Frage habe ich an Dich. In der von mir zitierten Emma-Ausgabe von 2007 wird erwähnt, dass ca. 0,01% der Prostituierten in der Hurenbewegung organisiert waren. Wieviele Sexworker sind in Eurer Gewerkschaft jetzt organisiert?

      Bekämpft Armut und Ausbeutung – Change the System!

  2. Mai 19, 2010 um 10:26 am

    Hi Gerda,

    ich wuerde da einfach mal nicht so pauschal Urteilen, das in Artemis schlechte Konditionen sind. Warst Du schon da? Kannst Du es belegen? Immerhin muss so ein Betrieb gute Besucherzahlen haben, damit die Frauen dort ueberhaupt arbeiten koennen und Arbeit haben… Glaube nicht, dass es den Leuten dort schlecht geht, warum wuerden die dort sonst arbeiten / den Club besuchen?

    Bin da auch gegen die Augenzudruckerei gegenueber solcher Werbung. Warum sollte solche Werbung einfach verschwinden? Es ist doch jedermans Sache wie er sowas gegenueber den Juengeren handhabt. Erklärst dann halt einfach was eine Werbung fuer ein Bordell ist. Die Welt wird dadurch nicht schlimmer.

    Und das mein ich ganz unparteiisch, ich bin homosexuell.

    Lg Marco

    • Mai 19, 2010 um 10:06 pm

      Hallo Marco,
      mir ging es bei den Konditionen eher die arbeitsrechtlichen. Die Prostituierten dort haben keine Arbeitsverträge mit denen sie nach dem neuen Prostitutionsgestz Anspruch auf Sozialleistungen bei Arbeitslosigkeit hätten. Sie sind selbstständig tätig und müssen deshalb auch ihre Krankenversicherung selbst tragen.Ich weiss nicht, was das Artemis an Zimmermiete von den Prostituierten verlangt, aber es wird zumindestens mit FO geworben, wahrscheinlich um mehr Kunden anzusprechen. Obs den Besuchern des Artemis dort gefällt, ist mir echt egal.

      Die Werbung des Artemis verweist auf eine Webseite, auf den „Girls“ warenmässig angeboten werden, ich finde das sexistisch und möchte meinen Kindern das auch nicht erklären müssen.

      LG Gerda

      • Marco
        Mai 20, 2010 um 1:39 am

        Ja das mit der Selbständigkeit bzw. freiberuflicher Mitarbeit hängt damit zusammen, dass die Prostitution zum Teil auch ein Reisegewerbe ist. Die Sexworker (ergo Prostituierten, Huren, Callboys) sind selbständig/freiberuflich tätig – genauso wie es viele Redakteure, Kuenstler, Schrifsteller, Marketingmitarbeiter usw. auch sind. Einige der Prostituierten wechseln sehr oft(!) ihren Ausuebungsort der Tätigkeit, was wiederum fuer solche Betriebe (hier Artemis) es schwierig macht einen geregelten Arbeitsvertrag abzuschliessen (wozu eigentlich wenn die Dame nach 2 Wochen sowieso in einer anderen Stadt arbeiten wuenscht).

        Die Frauen die in dem werbenden Club tätig sind, haben auch Vorteile durch diese Werbung. Ist Dir das egal, dass sie noch weniger verdienen wurden, wenn es keine Werbung gäbe? Wie sollen sie deiner Meinung nach auf sich aufmerksam machen? Falls es keine Prost.-Werbung geben sollte, stehen die lieben Prostituierten doch irgendwann direkt in der Tram oder an dem Strassenrand, und was sagst Du dann?

  3. Mai 19, 2010 um 2:53 pm

    Das ist ja völlig absurd, die Werbung von Artemis auf der Strassenbahn ist in keinster Weise sexistisch (es ist nicht ein einziges Bild vorhanden, nur der Schriftzug, Addresse und Website sind angegeben).
    Und Prostitution ist nicht per se sexistisch und die von Unwissenheit und Vorurteilen strotzenden Behauptungen und ideologischen Annahmen von Kate Millett wie Emma-Vertreterinnen werden auch nicht besser dadurch, dass man sie immer wieder wiederholt.
    Menschenhandel und Zwangsprostitution sind strafrechtlich bei uns klare Tatbestände und können sehr wohl verfolgt werden. Das es schwierig ist das Ganze nachzuweisen, hat ganz und gar nichts mit dem ProstG zu tun, sondern der komplexen Problematik.
    Es geht zum einen und vor allem um die Ausbeutung der Arbeitskraft (die kann man nur über Legalisierungen und Rechte fü die SexarbeiterInnen bekämpfen) und zum anderen um das sexuelle Selbstbestimmungsrecht (das zu übertreten selbstverständlich eine strafrechtliche Angelegenheit ist-auch in der Ehe). Das sind zwei Paar sehr grundverschiedene Schuhe, die eine Differenzierung benötigen, die leider die meisten Menschen bei dem Thema nicht aufbringen. Ich kann Marc wie Marco nur Recht geben!
    Herzlichst
    Ch. Howe

    • Mai 19, 2010 um 10:14 pm

      Zum Thema, ob die Werbung sexistisch ist, siehe oben.

      Durch den Wegfall des der Strafrechtsparagraph „Förderung der Prostitution“ (§180a StGB) in der neuen Fassung des ProstG wurde den Behörden sehr wohl ein Einstiegsermittlungsgrund genommen und das erschwert sehr die polizeiliche Arbeit.
      Ich differenziere schon zwischen Sexarbeit und Zwangsprostitution, aber die Zahlen zeigen, dass das ProstG die Lage der Sexarbeiter_innen nicht gerade verbessert hat (siehe oben) und Zwangsprostitution kann mann nicht einfach wegreden.

  4. Mai 19, 2010 um 2:54 pm

    Hi Gerda,

    speziell zum Artemis möchte ich mich mangels eigener Erfahrung nicht äußern, und ob eine Werbung auf öffentlichen Verkehrsmitteln jetzt zulässig sein soll ist sicher eine Diskussion wert.

    Was mich allerdings an deiner Argumentation stört, ist dass du ungeprüft die Argumente der Prostitutionsgegner übernimmst.
    „Emma“ ist in ihrer paternalistisch-moralisierender Haltung sicherlich eine der denkbar unglaubwürdigsten Quellen, ebensogut könntest du dich auf die Verlautbarungen von SOLWODI verlassen 😉
    Ich jedenfalls lasse mir von einer aus evangelischen Damenkränzchen hervorgegangenen „Frauen“bewegung ebensowenig vorschreiben, wie ich mit meiner Sexualität umzugehen habe, wie von eiem katholischen Nonnenorden.
    Und was die polizeilichen Argumente angeht – brauchen wir in Deutschland wirklich eine Polizei, die behauptet, gegen Verbrecher keine Zugriffsmöglichkeit zu haben, wenn nicht erst einmal alles und jeder kriminalisiert wird? Oder hat eine solche Behörde sich in ihrem Streben nach politischen Einfluß nicht selbst zum Feind von Demokratie und Menschenrechten erklärt? Und darüber hinaus ihre eigene Bankrotterklärung als Ordnungshüter abgegeben?

    Ich denke da wäre vieles zu diskutieren, aber die von dir vorgebrachten Argumente sind nicht der Diskussion wert.

    Liebe Grüße, Aoife Nic Seáin

  5. Mai 19, 2010 um 3:39 pm

    Hallo Gerda,

    dein Engagement gegen Frauenhandel und Zwangsprostitution finde ich gut. Auch ich selbst unterstütze beispielsweise entsprechende polizeiliche Ermittlungen nach Kräften.

    Aber ob das von dir geforderte Werbeverbot für einen (vermutlich) seriös geführten Saunaclub diesen Zweck erfüllt?

    Die (weitgehende) Gleichstellung von Sexarbeit mit anderen Berufen hat mitnichten dazu geführt, die Menschenhandels-Problematik zu verschlimmern. Im Gegenteil: Inzwischen sind wesentlich mehr ganz „normale“ Geschäftsleute in dieser Branche als Betreiber/innen tätig, und es herrscht allgemein mehr Transparenz, was im Endeffekt auch den Sexarbeiterinnen zugute kommt. Über das Artemis kann ich keine Aussage treffen, aber zumindest habe ich noch nichts negatives gehört – es scheint mir ein ganz normaler Saunaclub zu sein, wie es in Deutschand viele gibt. Lediglich an der Vorgabe des „Standardservice“ inklusive „Französisch Ohne“ stoße ich mich ebenfalls, das widerspricht auch meinem Sicherheitsempfinden. Meines Erachtens sollten Preis und Service grundsätzlich zwischen der Sexarbeiterin und dem Gast frei verhandelt werden können. Andererseits ergibt sich ein gewisser Standard in fast allen Etablissements in der Praxis ohnehin, insofern halte ich das für tolerierbar.

    Sex-Sklaverei, Frauenhandel und Zuhälterei sind nach wie vor strafbar und werden auch verfolgt. Welche Stelle(n) im neuen Gesetzestext widersprechen dem deiner Meinung nach?

    Die Schätzungen des Anteils von Frauen, die wirklich gegen ihren Willen der Prostitution nachgehen, gemessen an allen Sexarbeiter/innen, variieren je nach Quelle und Intention des Schätzenden. Ich kann dir nur sagen, dass ich in 16 Jahren Sexwork in verschiedenen Unterbranchen bisher zwei Frauen persönlich kennegelernt habe, die diesem Beruf nicht freiwillig nachgegangen sind, und hunderte, deren freie Entscheidung es war. Und die meisten davon waren mit ihrer Berufswahl auch durchaus zufrieden.

    Die Sache mit der „wirtschaftlichen Notlage“, die jemanden in die Sexarbeit zwingt, ist so eine Sache – wenn’s danach geht, gibt’s auch eine Menge Zwangskassierinnen, Zwangszeitungsausträgerinnen und Zwangskellnerinnen, alles typische Jobs, die man halt macht, weil man Geld braucht. Was davon als wie belastend empfunden wird, scheint mir höchst individuell. Ich denke nicht, dass man Menschen grundsätzlich vor ihren eigenen Entscheidungen schützen muss.

    Die berufliche Selbständigkeit der Sexworker/innen besteht übrigens meist auf deren Wunsch. Ich persönlich kenne keine einzige Kollegin, die sich gern anstellen lassen möchte – die Möglichkeiten gibt es, sie werden aber schlicht nicht genutzt. Wir sind überwiegend unabhängige, selbstbestimmte, freiheitsliebende Menschen – also das genaue Gegenteil der Schublade, in die wir oft gesteckt werden.

    Falls dich das Thema ersthaft interessiert, können wir uns gern weiter austauschen.

    Gruß,
    Undine

    • Mai 19, 2010 um 10:39 pm

      Hallo Undine,
      vielen Dank für Deinen Kommentar.
      In den Antworten oben habe ich schon geschrieben, warum ich die Werbung des Artemis nicht gut finde. Direkte Bekämpfung der Zangsprostitution und des Frauenhandels ist mit einer Entfernung der Werbung aus dem öffentlichen Raum sicher nicht intendiert.
      Warum die Änderung des ProstG die Verfolgung von Zwangsprostituion und Menschenhandel habe ich oben beschrieben. (Wegfall des Strafrechtsparagraph „Förderung der Prostitution“ (§180a StGB) )

      „Lediglich an der Vorgabe des „Standardservice“ inklusive „Französisch Ohne“ stoße ich mich ebenfalls, das widerspricht auch meinem Sicherheitsempfinden.“ <- ein sehr wichtiger Punkt meiner Meinung nach – auch dazu hab in obigen Antworten schon geschrieben.

      Die Quellen und Zahlen wurden hier ja schon mehrfach angezweifelt – wenn jemand andere kennt, bitte nennt mir sie.

      "Die Sache mit der „wirtschaftlichen Notlage“, die jemanden in die Sexarbeit zwingt, ist so eine Sache – wenn’s danach geht, gibt’s auch eine Menge Zwangskassierinnen, Zwangszeitungsausträgerinnen und Zwangskellnerinnen, alles typische Jobs, die man halt macht, weil man Geld braucht. Was davon als wie belastend empfunden wird, scheint mir höchst individuell. Ich denke nicht, dass man Menschen grundsätzlich vor ihren eigenen Entscheidungen schützen muss." <- Aber es ist ein Unterschied, ob Du hier die Entscheidung für Dich triffst oder ob Du mit falschen Versprechungen aus Deinem Heimatland nach Deutschland gelockt wirst oder auch verschleppt und hier zur Prostitution gezwungen wirst.

      Wenn ich mir die mir vorliegenden Zahlen ansehe, denke ich, dass "freiwillige Sexarbeit" in Deutschland sehr wenig verbreitet ist. Und leider entsteht für mich auch der Eindruck, dass die (freiwilligen) Sexarbeiter_innen auch wenig organisiert sind. Deswegen hätte ich von Marc auch gerne gewusst, wieviele Prostituierte in der Gewerkschaft für Sexworker in A – CH – D sind.

      Gruss
      Gerda

  6. Lycisca
    Mai 19, 2010 um 6:17 pm

    Hallo Gerda, mich stört an deinem Beitrag vor allem die sensationsgierige Zahl von 200.000 Zwangsprostituierten (also 50 Prozent der Sexworker). Nicht nur, dass der Zusammenhang zu deinem Ärger über Bordellwerbung an den Haaren herbei gezogen ist (wobei das Foto eigentlich eine völlig unaufdringliche Werbung zeigt, da sind manche Sujets im „seriösen“ Sektor ungleich sexistischer und suggerieren optisch tatsächlich, dass Frauen Ware seien), ist die Zahl selbst völlig absurd. Wenn sie stimmen sollte, dann wäre die Polizei in Deutschland völlig inkompetent und auf den Staat Deutschland kämen Schadenersatzforderungen in Milliardenhöhe zu: Jede dieser angeblichen 200.000 Zwangsprostituierten hat nämlich gegenüber dem deutschen Staat den Anspruch, von ihrer angeblichen Sklaverei befreit zu werden. Wenn der Staat dieser Verpflichtung nicht nachkommt (obwohl das bei einer so riesigen Zahl von Opfern ein Kinderspiel wäre), wären 10.000 Euro pro Frau als angemessene Entschädigung wohl nur die untere Grenze, macht 2 Milliarden Euro.

  7. ManRay
    Mai 30, 2010 um 10:53 am

    Hallo Gerda,

    Ich finde es immer schwierig, „Fakten“ aus der Emma ohne eigene Recherche zu zitieren. Das ist bei dem von Dir verlinkten Artikel besonders auffällig. Denn §180a STGB ist mitnichten ersatzlos gestrichen, er existiert weiterhin. Die Überschrift lautet allerdings heute „Ausbeutung von Prostituierten“ und er wurde ein wenig geändert (ein eher schwammiger Absatz, in dem von über „übliche Leistung“ hinausgehen die Rede war, ist weggefallen). Die Strafbarkeit, jemanden in Abhängigkeit zu halten ist allerdings geblieben.

    Dein Argument, Werbung für Artemis würde illegale Prostitution fördern, verstehe ich nicht. „Beschäftigt“ Artemis illegale Prostituierte?

    • Mai 30, 2010 um 7:11 pm

      Hallo ManRay,
      die alte Fassung des 180a sah so aus:

      § 180a Förderung der Prostitution

      (1) Wer gewerbsmäßig einen Betrieb unterhält oder leitet, in dem Personen der Prostitution nachgehen und in dem

      1. diese in persönlicher oder wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten werden oder

      2. die Prostitutionsausübung durch Maßnahmen gefördert wird, welche über das bloße Gewähren von Wohnung, Unterkunft oder Aufenthalt und die damit üblicherweise verbundenen Nebenleistungen hinausgehen,

      wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

      (2) Ebenso wird bestraft, wer

      1. einer Person unter achtzehn Jahren zur Ausübung der Prostitution Wohnung, gewerbsmäßig Unterkunft oder gewerbsmäßig Aufenthalt gewährt oder

      2. eine andere Person, der er zur Ausübung der Prostitution Wohnung gewährt, zur Prostitution anhält oder im Hinblick auf sie ausbeutet.

      die neue Fassung sieht so aus:

      § 180a Ausbeutung von Prostituierten
      (1) Wer gewerbsmäßig einen Betrieb unterhält oder leitet, in dem Personen der Prostitution nachgehen und in dem diese in persönlicher oder wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten werden, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
      (2) Ebenso wird bestraft, wer

      1.
      einer Person unter achtzehn Jahren zur Ausübung der Prostitution Wohnung, gewerbsmäßig Unterkunft oder gewerbsmäßig Aufenthalt gewährt oder
      2.
      eine andere Person, der er zur Ausübung der Prostitution Wohnung gewährt, zur Prostitution anhält oder im Hinblick auf sie ausbeutet.

      Und wie Du schon bemerkt hast, ist der 180a von „Förderung von Prostitution“ in „Ausbeutung von Prostituierten“ umbenannt worden.
      Der Straftatbestand der Förderung von Prostitution ist damit (ersatzlos) weggefallen. Es handelt sich hier nicht um eine kleine Änderung eines „schwammigen Absatzes“, sondern um eine eklatante Strafrechtsveränderung, die es gerade polizeilichen Behörden schwieriger macht, gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution vorzugehen. Dazu bitte den Artikel in der „Emma“ lesen. Auch wenn ich eher selten der gleichen Meinung wie die „Emma“ bin, halte ich sie für ein seriöses Magazin, das seine Artikel gut recherchiert.

      Zum zweiten Teil Deines Kommentars: Ich weiss nicht, ob im Artemis „illegale“ Prostitution stattfindet. Ich habe von Relativierung geschrieben, wenn bei den vorliegenden Zahlen zum Thema Zwangsprostitution und Menschenhandel, im öffentlichen Raum grossflächig für Bordells Werbung gemacht wird. Bitte das von mir Geschriebene nochmals bzw. richtig lesen.

  8. Mai 30, 2010 um 8:13 pm

    Hallo Gerda,

    Werbung für Bordelle mag auf Bussen zwar nicht angebracht sein. Werbung hat klar ein Sexismusproblem, aber Prostitution ist wie schon gesagt nicht per se sexistisch und diese besagte Werbung ist im Gegensatz zur gängigen Werbelandschaft erfrischend unsexistisch..

    Emma ist zumindest für Sexarbeit eine sehr unzuverlässige Quelle. Die 95% Zwangsprostituierte von denen du sprichst kommen nicht aus einer seriösen Studie, sondern von einem Kriminalbeamten, der tagtäglich nur mit Opfern zu tun hat. Da kann man schon leicht vergessen, dass man nur sehr begrenzt Einblick hat und nur mit der negativen Seite in Berührung kommt. Da diese Zahl aber in Emmas Weltbild passt, wird sie unhinterfragt als Fakt genommen. Gegenteilige Studien und „Expertenmeinungen“ werden durchgehend ignoriert oder diffamiert.

    Ausserdem behauptet Emma sich für Prostituierte unermüdlich einzusetzen, und spricht sich gleichzeitig für das schwedische Modell aus. Es gibt jedoch zahlreiche Hinweise darauf dass dieses Modell Prostituierten schadet (http://www.salli.org/info/lib/kullick-un-talkswe.pdf, nur eine Quelle von vielen). Doch das scheint Emma ziemlich egal zu sein, was sie in meinen Augen total unglaubwürdig macht. Wenn man seine Ideologie um jeden Preis durchsetzen will sollte man nicht fälschlicherweise behaupten, sich für die tatsächlich Betroffenen auch nur das geringste zu interessieren.
    Hilfsstellen für Sexarbeiterinnen werden als „pro-prostitution“ bezeichnet, weil sie sich umfassend für ihre Rechte einsetzen, und nicht nur Hilfe anbieten wenn eine Aussteigen will. Dabei wird auch wieder völlig ignoriert, dass diese Hilfsstellen sich durchaus gegen Zwangsprostitution einsetzen und Probleme anerkennen und garantiert nicht die Einstellung haben „jippieh Prostitution ist super, jede Frau sollte das machen!“

    Meine persönliche Erfahrung ist natürlich nicht repräsentativ, aber falls tatsächlich 95% dazu gezwungen werden, sollte ich während meiner Zusammenarbeit mit anderen Sexarbeiterinnen wenigstens eine solche kennengelernt haben (von den ca. 30 die ich bis jetzt getroffen habe) Dies war aber nicht der Fall, alle arbeiteten freiwillig und waren ziemlich selbstbewusste Frauen.
    Eine so hohe Zahl liesse sich nur erklären, wenn alle, bei denen das finanzielle Interesse im Vordergrund steht, als „Zwangsprostituierte“ klassifiziert werden. Dann wäre ich auch eine Zwangsprostituierte.

    • Juni 1, 2010 um 11:20 am

      Hallo Sina,
      die Werbung auf der Strassenbahn verweist auf eine Internetsite des Artemis, auf der die „Girls“ sehr warenmässig und sexistisch präsentiert werden.

      Zum Thema „Emma“ möchte ich mich nicht äussern, da kenne ich mich zu wenig aus.

      Die 95% , die ich bewusst in Klammern gesetzt habe, erklären sich genau, wie Du es beschreibst, denke ich.

      Ich glaube, dass beim Thema Prostitution die negative Seite überwiegt und ein Grossteil der Frauen keine freiwilligen Sexarbeiterinnen sind, sondern Zwangsprostituierte. Das belegen auch die von der „Emma“ unabhängigen Zahlen und Schätzungen.

      • Lycisca
        Oktober 24, 2010 um 8:29 pm

        Ich bin über eine google-Suche wieder über diese Webseite gestoßen. Die folgende Aussage ist nach neiner Meinung unakzeptabel: „Ich glaube, dass beim Thema Prostitution die negative Seite überwiegt und ein Grossteil der Frauen keine freiwilligen Sexarbeiterinnen sind, sondern Zwangsprostituierte.“

        1. Die Aussage ist falsch, wie die geringe Zahl der Fälle zeigt, wo jemand der Zwangsausübung beschuldigt bzw. deswegen verurteilt wurde. Auch wenn Polizei und Gerichte vielleicht zehnmal effektiver sein könnten … es blieben immer noch 95% der SexarbeiterInnen übrig, auf die ganz sicher kein krimineller Zwang ausgeübt wurde.

        2. Falls „Zwang“ so verstanden wird, dass die Frauen aus finanzieller Not zur Prostitution „gezwungen“ wurden, wie oben nahe gelegt wurde, dann wäre dies eine gröbliche Verharmlosung jenes Verbrechens , wo echter Zwang ausgeübt wurde. Denn nach dieser Sichtweise wäre jeder Berufstätige Zwangsarbeiter … das wäre nach meiner Meinung eine Verhöhnung aller echten Zwangsarbeiter (z.B. KZ).

        3. Eine Kampagne, die SexarbeiterInnen pauschal zu Opfern von Verbrechen deklariert – und ihre Kunden demnach zu Mittätern bei der Versklavung – ist für die echten Opfer von kriminellem Zwang kontraproduktiv. Denn zum großen Teil werden echte Opfer von den Kunden identifiziert und befreit. Wenn die Kunden kriminalisiert werden, werden sie sich hüten, sich in dieser Weise zu exponieren.

  9. wohliger_ort
    August 24, 2011 um 5:34 pm

    Liebe Gerda,

    vielen Dank, dass du deinem Widerwillen gegen die Puff-Werbung Ausdruck verliehen hast. Ich begegne diesen Bussen – und heute auch einer Tram – schon seit längerem und habe es bisher nicht glauben können, dass es sich tatsächlich um Werbung für dieses Bordell handelt. Ich habe mir immer wieder versucht einzureden, dass das gar nicht sein kann und es sich um eine Namensverwechslung handelt.
    Habe aber heute mal der Sache auf den Grund gehen wollen.

    Anscheinend fällt es vielen Menschen schwer zu unterscheiden zwischen einer Enttabuisierung der Prostitution um den Menschen, die hier arbeiten auf Dauer zu helfen und den Ausstieg zu ermöglichen, und einer Verharmlosung sexuell ausbeuterischen Verhaltens.
    Anders kann ich mir die Verteidigung und Verharmlosung von Prostitution nicht erklären.
    Niemand kann auf Dauer seinen Körper und seine Sexualität von sich abspalten ohne auf Dauer Schaden zu nehmen. Abgesehen davon, dass dieses Abspalten des eigenen Körpers auffällige Gemeinsamkeiten mit den Folgen von Vernachlässiung / körperlicher und sexueller Gewalt in der Kindheit hat (Dissoziation).
    Des Weiteren ist es erschreckend, dass es gesellschaftlich mehr oder weniger akzeptiert scheint, dass eine nicht geringe Zahl von Männern nicht wirklich verantwortlich mit ihrer Sexualität umgehen können.

    Vor allem hat Werbung für ein Bordell nichts an öffentlichen Verkehrsmitteln zu suchen! Ich würde z.B. niemlas in eine Tram oder einen Bus mit dieser Werbung einsteigen, da ich nicht will, dass mein Gesicht mit Werbung für ein Bordell in Verbindung gebracht wird.

    Ich hoffe, dass sich noch mehr Menschen finden, die gegen diese Werbung protestieren. Als ersten Schritt werde ich mich jetzt auf der von dir angebenen Seite beschweren.
    Schön wäre es, wenn sich auch noch andere beschweren würden.

    In der Hoffnung auf gemeinsamen Widerstand und auf eine Welt in der Männer ihre Sexualität verantwortlich leben und Frauen in ihrem Körper und auf der Welt einen sicheren und wohligen Ort haben.

  1. Mai 29, 2010 um 1:16 pm
  2. Juni 1, 2010 um 11:07 am

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